Schweitzer Logo
 

Ein besonderes Kloster in der Uckermark

Das Kloster Götschendorf  ist eine geheimnisvolle Perle in der Uckermark mit einer besonderen Geschichte. Die Historie des Herrenhauses ist eng verbunden mit der Leidenschaft des Nazi-Schergen Hermann Görings.

 

Zu den Wurzeln

 

Peter Wernsierki vom Spiegel schrieb im Februar 2008 mit weiser Voraussicht:

 

„Das geräumige Schloss, auf einer Anhöhe mit Seeblick, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Es diente Hitlers Paladin Hermann Göring als Gästehaus, dann der Nationalen Volksarmee und schließlich der Stasi als Urlaubsrefugium. Bald sollen in seinen Sälen deutsch-russische Kulturveranstaltungen stattfinden, später wird vielleicht noch eine Brauerei entstehen. Gäste aus Politik und Wirtschaft sollen sich hier diskret treffen können.“

 

Hermann Göring liebte die Jagd und das Fliegen. Mit seiner Teilnahme 1923 beim Marsch auf die Feldherrnhalle setzte er als Jagdflieger im Ersten Weltkrieg den Baustein seiner Karriere in der NS-Diktatur, die ihn letztendlich auf den Stuhl bei den Nürnberger Prozessen und zum Suizid zwang.

 

17 Kilometer von Götschendorf entfernt liegt GroĂź Dölln. Hier errichtete der Reichsfeldmarschall 1933 Carinhall, ein repräsentatives Anwesen,  geschaffen von Werner March, der Schöpfer des Berliner Olympiastadions.  In den letzten Kriegstagen wurde die Anlage gesprengt. Aber schon frĂĽh wurden auch hier Zeichen deutsch-russischer Freundschaft gelegt.

Etwa sieben Kilometer nordwestlich liegt der Sonderlandeplatz Templin/Groß Dölln, der 1987/88 mit einer 2,8 km langen Notlandebahn für die russische Raumfähre Buran ausgebaut wurde.

 

 

Die Reste des Landsitzes Carinhall, bestehend aus zwei Unterkunftshäusern fĂĽr Wachmannschaften, einer Toranlage mit zwei Postenhäuschen und einer Kastanienallee dahinter sind als Baudenkmale von Templin aufgefĂĽhrt. Von der eigentlichen Anlage ist nichts mehr erhalten, lediglich einige wenige Mauerreste sind im Wald auffindbar. Bis in die 1990er Jahre waren Keller und Bunker teilverschĂĽttet und betretbar, diese Eingänge wurden mittlerweile beseitigt. Am ehemaligen Grab von Carin Göring, nach der die Anlage benannt wurde,  ist nur noch eine Vertiefung im Boden erkennbar.

 

Doch Vergangenheit heißt auch Zukunft. Mit Hermann Göring setzte eine der Hauptakteure der Diktatur, der mit an der Endlösung der Judenfrage beteiligt war, Zeichen in der heutigen Uckermark. Könnte dieses Dörfchen bei Milmersorf wirklich noch einmal Bedeutung gewinnen?

 

Die jĂĽngere Geschichte zeigt, was hier möglich ist.  Vor einem Jahr schrieb Tatjana Marschanskich in „Russland heute“ einen beeindruckenden Artikel ĂĽber die Geschichte des Klosters, die eng verbunden ist mit Norbert Kuchinke, dem ersten Korrespondenten von „Spiegel“ und „Stern“ in Moskau. 1983 begann er sich als freier Journalist mit der russisch-orthodoxen Kirche zu beschäftigen.  Ikonen und Musik begeisterten den Schlesier, am 5. Mai 1940 in Schwarzwaldau geboren. Mit dem Chor des Klosters von Sagorsk machte er 1988 kurz vor der Wende eine Deutschlandtournee.

Ein Vorbild für Götschendorf?

Ein Blick in Wikipedia zeigt viel:

 

Das Kloster der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius oder auch das Troice-Sergiev-Kloster (russisch Свято-Троицкая Сергиева Лавра oder Троице-Сергиева Лавра) ist ein russisch-orthodoxes Männerkloster in der rund 70 km nordöstlich von Moskau gelegenen Stadt Sergijew Possad (von 1930 bis 1991 Sagorsk). Es wurde um 1340 vom Heiligen Sergius von Radonesch gegründet und gilt seit Jahrhunderten als eines der bedeutendsten religiösen Zentren der russisch-orthodoxen Kirche. Das vom 15. bis 18. Jahrhundert entstandene architektonische Ensemble des Klosters gehört seit 1993 zum UNESCO-Welterbe.

 

Kuchinke als Katholik und Top-Journalist mit Affinität zur russisch-orthodoxen Kirche und zur Weltpolitik.

 

Mit Götschendorf wird fĂĽr ihn ein Traum wahr.  Die Berliner Diözese der Russisch-orthodoxen Kirche des Patriarchats Moskau erwirbt das einstige Herrenhaus Görings auf einem vier Hektar fassenden Gelände fĂĽr einen Euro mit der Verpflichtung, dass in den nächsten 15 Jahren vier Millionen Euro in das GrundstĂĽck investiert werden.  Insgesamt rechnet die Diözese mit rund 6 bis 7 Millionen Euro.

 

Norbert Kuchinke findet wichtige Partner und wirbt in der ganzen Welt um Spenden.

Vor Ort unterstĂĽtzt ihn von der evangelischen Kirche Pfarrer Horst Kasner, der Vater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein gutes Pendant zum Katholik Kuchinke.  

Und Kasners Blicke wandern gerne nach Osten. Seine Wurzeln väterlicherseits liegen in Posen. Zudem hat Kasner Weltluft geschnuppert. Zuerst das Studium an der renommierten Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, weiter an der Kirchlichen Hochschule Bethel und schließlich an die Hamburger Uni. Einige Wochen nach der Geburt von Angela nahm er in der damaligen DDR eine Pfarrstelle bei Perleberg an, bevor er 1957 in die heutige Uckermark kam.

 

Der Abt

 

Abt Daniil Irbits, Referent für Öffentlichkeitsarbeit sowie für die Beziehungen zu den politischen Institutionen in der Bundesrepublik Deutschland der russisch-orthodoxen Kirche wird Prior des Klosters St. Georg und koordiniert das klösterliche Leben und auch die Suche nach Spenden.

Geboren wurde er am 28. Juni 1976 in Riga. Seine Mutter war Pressesprecherin beim Vereinigten Strategischen Kommando Baltikum, der Vater war Kapitän zur See.  Der junge Andris Irbits legte eine beispiellose Karriere hin. Im Januar 1996 avanciert Daniil, so  zum persönlichen Referenten des Erzbischofs von Berlin und Deutschlands Feofan Galinski. Ein Jahr später wird ihm die Mönchsweihe erteilt und der Name Daniil, mit Berufung auf den biblischen Propheten Daniel, verliehen.

2006 erhielt er die AbtwĂĽrde und wurde Mitglied des Integrationsbeirates unter dem Vorsitz  der Bundeskanzlerin.

 

Eine interessante Note: 2007 absolvierte er erfolgreich die Priesterakademie in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, er ĂĽbernahm im Dezember das Prioramt des Klosters St. Georg.

 

Inzwischen ist Irbits ständiges Mitglied des Beirates für Flüchtlinge, Migration und Integration im Kanzleramt sowie Mitglied der Arbeitsgruppe „Gegen Rassismus und Extremismus im Bundesintegrationsbeirat.

Gerade wurde er in den Verband Russischer Schriftsteller aufgenommen

Zukunft

 

Wie ein Vororttermin  Ende Juli mit einer Gruppe von Ukrainern zeigt, ist noch viel zu tun.

 

Michail Tsikavyi, der Referent und Sekretär des Abtes, kommt, wie er erzählt, selbst aus der Ukraine und führt die Gruppe durch das Kloster. Das große Ziel: Der Tempel soll so bald wie möglich fertiggestellt und natürlich auch liturgisch genutzt werden. Ein weiteres Ziel, das Tsikavyi formuliert: Das historisch geprägte Herrenhaus soll zum Hotel ausgebaut werden.

Es gibt Ziegen, ein kleiner Garten ist im Entstehen. UrsprĂĽnglich dachte man auch an einen Lebensmittelladen.
Fazit: ein kulturelles Zentrum der Begegnung und des Glaubens soll Schritt für Schritt entwickelt werden. Auf der Seebühne gab es im Rahmen des Besuchs einen Ballettauftritt mit historischer Bedeutung. Zum ersten Mal tanzten wenige Tage nach Abschuss der Passagiermaschine bei Donezk ukrainische Mädchen an diesem so bedeutenden Ort.

 

Und vor den Ukrainern aus dem Wasser steigt Aribert GroĂźkopf. Er war von 1990 bis 1998 Abteilungsleiter in der Potsdamer Staatskanzlei unter Manfred Stolpe. Mit ihren Familien teilten  sich GroĂźkopf und  Kuchinke  ein Wochenendhaus direkt neben dem Klostergelände.

Kulturinteressiert und weltmännisch tritt GroĂźkopf auf.  Mit Wolfgang Huber hat er Kontakte, seine Frau hat dort, wo Huber lehrte,  in Heidelberg studiert.

 

Mit dem Tod von Norbert Kuchinke im Dezember letzten Jahres ist es nicht leichter geworden. Der Tempel soll nächstes Jahr stehen und Gottesdienste gefeiert werden. Götschendorf wird das Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland.

 

Russland und Putin

 

Wie der Abt mitteilt, ist eine der wichtigsten Sponsoren die Wneschekonombank. Die Aktivitäten der Bank erstrecken sich im Wesentlichen auf die Verwaltung der Auslandsschulden der Russischen Föderation sowie der Mittel der russischen staatlichen Rentenversicherungsanstalt. Darüber hinaus fördert die Wneschekonombank die internationale Wettbewerbsfähigkeit der russischen Wirtschaft unter anderem durch Exportrisikoversicherungen.

Die Wneschekonombank ist damit das russische Pendant zur deutschen Kreditanstalt fĂĽr Wiederaufbau (KfW) oder der Schweizerischen Exportrisikoversicherung (SERV).

Zu diesem Zweck fĂĽhrt die Wneschekonombank weltweit neun Foreign Branch Offices: In Deutschland, in der Schweiz, Frankreich, Italien, GroĂźbritannien, in den USA, China, Indien und SĂĽdafrika.

So wird der internationale Charakter des Projekts deutlich.

Und  die Linie fĂĽhrt zum russischen Staatschef Wladimir Putin. Denn Aufsichtsratsvorsitzender der Wneschekonombank ist das russische Staatsoberhaupt.

 

Weltpolitik in der Uckermark

 

Nur wenige Kilometer entfernt, in Flieth, hat der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck sich sein Altersdomizil gesichert.

Im März übernahm Platzeck den Vorsitz im Deutsch-Russischen Forum.

In der anschließenden Festveranstaltung hob auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei seiner Ansprache die Wichtigkeit des deutsch-russischen Forums für die Verständigung zwischen Deutschland und Russland hervor. Es brauche Menschen in beiden Ländern, die dafür sorgen, dass man sich wieder aufeinander zu bewegen könne.

Als Ministerpräsident des Landes Brandenburg war Plateck von Juni 2002 bis August 2013 im Dienst und hatte von 2010 bis 2013 den Vorsitz der Deutsch-Russischen Freundschaftsgruppe im Bundesrat inne. Platzeck ist im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Der Petersburger Dialog wurde im Jahr 2001 vom damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ins Leben gerufen. Der Name des Gesprächsforums bezieht sich auf den ersten Veranstaltungsort Sankt Petersburg in Russland. Matthias Platzeck ist auch in Götschendorf ein gern gesehener Gast.

 

Das Netzwerk bedeutet Hoffnung fĂĽr das abgelegene Kloster in der Uckermark im Zeichen eines deutsch-russischen Dialogs. Das Erbe Norbert Kuchinkes wird fortgesetzt.

 

 

 

Filmbeitrag zur Begegnung zwischen Ukrainern und Russen im Kloster St. Georg

Tanz auf der SeebĂĽhne: Der sterbende Schwan

Tanz auf der SeebĂĽhne: Der Blumentanz

Musik der Russisch-0rthodoxen Kirche