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Ibraimo Alberto kehrt zurĂĽck

Ibraimo Alberto stellte sein Buch vor: „Ich wollte leben wie die Götter – Was in Deutschland aus meinen afrikanischen Träumen wurde“

Veranstaltung der Antidiskriminierungsberatung Brandenburg / Opferperspektive e.V. im Rahmen der interkulturellen Woche in Potsdam:

22.09.2014 um 19.00 Uhr, Buchhandlung Sputnik (CharlottenstraĂźe 28, 14467 Potsdam)

und

Veranstaltung der Kanzlei BRANDT Rechtsanwälte, Prenzlau/ Schwedt/ Poznan

25.09.2014 um 19 Uhr, Prenzlau, Gemeindehaus der Katholischen Kirchengemeinde „Heilige Maria Magdalena“, Neubrandenburger Straße 1


Was Ibraimo Alberto erlebt hat, reicht für drei Leben: In Mosambik aufgewachsen, 1981 als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen, Karriere in einem Ostberliner Boxverein und nach der Wende bei »Chemie PCK Schwedt« in der Bundesliga. Sein Alltag in den Neunzigern in Brandenburg ist gekennzeichnet von Ausgrenzung, Diskriminierungserfahrungen und rechten Angriffen. Als Rechte seinen Sohn bei einem Fußballspiel: totzuschlagen drohen, weiß Alberto, inzwischen Ausländerbeauftragter in Schwedt, dass er hier keine Zukunft mehr hat. Seit 2011 lebt er in Karlsruhe und kämpft weiter gegen Rassismus und für Integration.

Rezension zum Buch

Sein wie die Götter

 

Wer Ibraimo Alberto kennt, der ahnt nicht, welche Geschichte hinter diesem Menschen steht, welche Reisen er angetreten hat, aus dem SĂĽden in den Norden, aus dem Osten nach Westen.

Knapp 255 Seiten voller Spannung, ein Buch für einen Nachmittag, ein Hineinschnuppern in eine Welt der Brutalität, der Liebe, des Hasses, der Leidenschaft, Verfolgung und Aufnahme, ja in einen Kampf der Kulturen und Welten.

 

Gemeinsam mit dem Journalisten Daniel Bachmann hat Ibraimo uns ganz subjektiv teilnehmen lassen an einer so widersprĂĽchlichen Welt. Deshalb ist auch schon die   Konzeption gut gewählt beim Wechsel zwischen Gestern und Heute, der Suche nach dem Geheimnis des eigenen Wesens und dem Travelling in der persönlichen Zeitmaschine.

Der Weg aus der Sklavenfarm im Mosambik über das Ostberlin nach Schwedt und letztendlich nach Karlsruhe. Der Leser beginn bereits zu ahnen, auch hier hat dieser Weg kein Ende, sowohl privat als auch lokal…

 

Brutalität pur … wer erinnert sich nicht an Francis Ford Coppolas Filmszenen aus dem Hubschrauberangriff der Luftkavallerie auf ein vietnamesisches Dorf zu den Klängen von Richard Wagners Walkürenritt in dem Streifen „Apocalypse Now“. Die Szene hat ihr historisches Vorbild in der Deutschen Wochenschau vom 30. Mai 1941, in der die Luftlandung der Deutschen auf Kreta mit demselben Stück unterlegt wurde.

Und es gibt fast keinen Weg nicht daran zu denken beim Massaker der Buren aus Südrhodesien in Nyazonia im Bovember 1977, von dem er berichtet: „Wie Monster der Lüfte jagten drei Hubschrauber heran, kamen näher und setzten zur Landung an…Ich sah Kinder mit aufgeplatzten Bäuchen, aus denen die Gedärme quollen, und Köpfe, wie die Fußbälle durch die Luft flogen…

Die Sprache Bachmanns füllt diese besondere Wanderung mit Leben…die Szenen sind ergreifend, bewegend, authentisch für jeden, der Ibraimo Alberto kennt.

Ibraimos Leidenschaft zum Sport, das Training und die Zielstrebigkeit lassen ihn viel aushalten, eine Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart, mit Nationalsozialismus und Rassismus.

 

Sport pur … Von der Sklavenfarm kommt er wie durch ein Zufall in die sozialistische DDR, wo er auch wieder ausgebeutet werden soll. Aber er boxt sich im wahrsten Sinne durch bis zur Bundesliga. Auch nach seinem Ruhestand macht er weiter, engagiert sich später im sozialen Bereich und als Leiter des Jugendtreffs „Flash Too“

 

Rassismus pur … Schon zu DDR-Zeiten hatte Ibraimo BerĂĽhrungen mit dem Rassismus. BerĂĽhrungen, die ihn bewegten und auch wieder äuĂźerst brutal waren. Sein bester Freund aus Mosambik wurde von Neonazis ermordet. „An einem trĂĽben Novembertag kam er (Manuel) mich besuchen. Trotz des grauen Wetters verbrachten wir vergnĂĽgliche Stunden miteinander. Gegen Nachmittag setzte er sich in einen Zug, der ihn in knapp zwei Stunden nach Dessau bringen sollte. Dort kam er aber nie an. Was passiert war, drang nie an das Licht der Ă–ffentlichkeit, da die Behörden der DDR alles taten, die Sache unter   den Teppich zu kehren. Neonazis, die es offiziell nicht geben durfte, waren im Zug gewesen. Sie schlugen Manuel zusammen und banden seine Beine mit einem Strick zusammen. Dann hängten sie ihn aus dem Fenster und lieĂźen ihn langsam ab. Bis es ihn zwischen den Rädern zerriss. Später fand die Polizei auf einer Strecke von zehn Kilometern Körperteile, sein Kopf   wurde erst Tage nach dem Mord entdeckt.“

 

Schwedt pur … Schwedt, die Stadt   im Nordosten Brandenburgs bringt viele Weichenstellungen, viele Enttäuschungen, viele Erniedrigungen, aber auch Entscheidungen, Begegnungen mit wahren Freunden und erfolgreichen Kampf gegen Rassismus und Fremdenhass mit sich. Worte des Buches von Ibraimo Alberto brennen sich tief in die Seele ein, wenn es um Toleranz und Achtung geht. Ibraimo kĂĽmmert e sich um Asylbewerber. Zu seinen Jobs gehörte es, Neuankömmlinge zur Ausländerbehörde zu fĂĽhren. „Ein hochrangiger Mitarbeiter nutzte seine Position aus. Eigentlich ging es nur darum, Namen, Adressen, Geburtsort und Geburtstag festzustellen, und das sind alles keine Dinge, fĂĽr die man sich nackt ausziehen muss. Aber das verlangte er. Vor allem junge, schlanke Männer hatten es ihm angetan. Wie bei der Drogenfahndung mussten sie sich bĂĽcken, und er stieĂź ihnen einen behandschuhten Finger in den Po. Das alles erinnert mich sehr   an die Sklavenfarmer aus der alten Heimat.“

 

Aber der Ausländerhass wird auch auf den StraĂźen Schwedts spĂĽrbar. Ibraimo Alberto wird beleidigt, geschlagen, getreten.   Ibraimo Alberto kämpfte als Ausländerbeauftragter der Stadt Schwedt gegen diesen Rassismus, am Ende doch vergeblich. Als die Nazis seinen Sohn bei einem FuĂźballspiel in Bernau aufs Ăśbelste bedrohten, verlässt er die Oderstadt in Richtung Karlsruhe. Sein Anwalt hatte ihm dazu geraten. An einem der letzten Abende hatte ich persönlich die Gelegenheit, mit Ibraimo Alberto zu sprechen, der sich auch in dem Verein Polnisch-Deutsche Standortentwicklung PoDeSt und im Jugendtreff Flash Too gegen Rechts engagiert hatte. Verein und Jugendtreff wurden liquidiert.

„Tschüss“, sage ich, einfach nur „Tschüss“…

 

Karlsruhe pur … Zurzeit arbeitet Ibraimo Alberto in Karlsruhe in einer Reha-Einrichtung mit Schwerbehinderten, darüber hinaus ist er sich in der Jugendhilfe der Stadt und er hat einen deutsch-mosambikanischen Verein gegründet, der die Integration fördern soll. Mit viel Respekt schauen Diakonie, Kirche und Stadt auf seine Arbeit.

 

„Ich wollte leben wie die Götter“, ist ein Buch, das mitreißt, das inspiriert und anregt, das neugierig macht auf Mehr. Ob Ibraimo Albertos Reise wirklich zu Ende ist? In einem der letzten Gespräche vor einigen Tagen hat er angedeutet, dass es ihn nach Hamburg zieht. Eine neue Lebensgefährtin, die er in der neuen badischen Heimat kennengelernt hat, begleitet seinen neuen Weg.

Seine Liebe zum Karlsruher Sportclub (KSC) ist da. Und Impulse gaben er und sein Buch gegeben. Es war vielleicht die größte Überraschung der Kommunalwahl 2014: KSC-Spieler Reinhold Yabo hat es für die Liste "Gemeinsam für Karlsruhe" (GfK) ins Karlsruher Rathaus geschafft. Er ist ein deutscher Fußballspieler kongolesisch-ghanaischer Abstammung. Also es ist doch möglich: ein Leben wie die Götter?

 

 

Ibraimo Alberto / Daniel Bachmann

„Leben wie die Götter“

Kiepenheuer & Witsch 2014

ISBN 978-3-462-04624-3

Preis: 14,99

 

 

 

Beiträge auf You Tube zu dem Besuch Ibraimo Albertos in Potsdam